Drei Länder, ein See — wie offen die Regionalpresse am Bodensee ist
Wer wissen will, welche Vereine es in einer Region gibt, wer dort fördert und was gefeiert wird, findet das nirgends in einer Datenbank — sondern in der Lokalzeitung. Wir haben nachgesehen, wie viel davon am Bodensee ohne Konto, ohne Bezahlschranke und maschinenlesbar zugänglich ist. Das Ergebnis ist eine Landschaft mit einem sehr tiefen Fenster im Süden, einer schmalen Gegenwart im Norden — und einer Uhr, die läuft.
Am Schweizer Ufer liegt ein sechs Jahre tiefes Zeitungsarchiv offen im Netz: 23 Wochenzeitungen eines Verlagshauses, 6'814 Ausgaben, 159'375 Seiten, ohne Konto und mit durchsuchbarer Textebene. Auf der deutschen und der österreichischen Seite gibt es ebenfalls frei zugängliche Blätter, aber fast ohne Archiv: Dort steht meist nur die laufende Woche oder das laufende Jahr im Netz, alles Ältere verschwindet. Die Region ist also erfassbar — südlich rückwirkend, nördlich nur, wenn ab jetzt jemand mitschreibt.
Quelle: mana — eigene Erhebung an den Portalen, 2026-07-31.
Quelle: mana — eigene Messung über 43'232 Zeitungsseiten, 2026-07-31.
Es gibt Fragen, die klingen banal und sind trotzdem kaum zu beantworten: Welche Vereine gibt es in meiner Gemeinde? Wer hat im letzten Jahr wen unterstützt, und mit welchen Beträgen? Welche Anlässe kehren jedes Jahr wieder? Für einen Verein, der lokal anfangen will, sind das die ersten Fragen überhaupt — und weder ein Register noch ein offenes Datenportal beantwortet sie. Die Antworten stehen in der Lokalzeitung, verteilt über Hunderte Ausgaben, in Sätzen wie „der Erlös von 2’400 Franken geht an den Turnverein“.
Wir wollten wissen, wie viel von dieser regionalen Öffentlichkeit sich ohne Konto, ohne Bezahlschranke und in maschinenlesbarer Form erschließen lässt — und zwar für den ganzen Bodensee, nicht nur für unsere Ecke davon. Der See ist im Alltag ein einziger Raum: Man arbeitet auf der einen Seite, kauft auf der anderen ein und feiert auf der dritten. Für Daten ist er drei Länder.
Am Schweizer Ufer liegt ein ganzes Jahrzehnt offen
Der Befund war deutlicher als erwartet. Ein Schweizer Verlagshaus stellt seine 23 Wochenzeitungen vollständig und ohne Zugangshürde ins Netz — als Ausgaben mit echter Textebene, nicht als Bilder. Seit Sommer 2020 sind das 6’814 Ausgaben mit 159’375 Seiten. Sieben dieser Titel decken den Bodenseeraum und sein Hinterland ab; allein sie bringen 43’474 Seiten mit.
Das ist keine Grauzone und kein Leck: Die Blätter sind gratis, die Verlage wollen gelesen werden, das Archiv ist Teil des Angebots. Bemerkenswert ist allein, wie ungewöhnlich vollständig es ist. Zeitungsarchive sind sonst das erste, was hinter einer Schranke verschwindet.
Nördlich des Sees gibt es Gegenwart, aber kaum Vergangenheit
Auf der deutschen Seite fanden wir durchaus frei zugängliche Blätter — der Konstanzer Anzeiger, das Wochenblatt für Singen, Hegau und Radolfzell, die Seewoche für Überlingen, dazu freie Onlinemagazine. Alle mit sauberer Textebene, alle ohne Konto. Nur: Sie zeigen die laufende Woche. Ältere Ausgaben verschwinden, die Datei der Vorwoche wird schlicht überschrieben. Die beiden großen Tageszeitungen der Region sind ohnehin kostenpflichtig, und die 340 Amtsblätter des größten Anbieters in Baden-Württemberg brauchen ein Konto.
Die Ausnahme ist das Amtsblatt der Stadt Konstanz, das die Stadt selbst seit 2018 lückenlos als durchsuchbare Datei bereitstellt — mehr als acht Jahrgänge, das tiefste Fenster, das wir auf deutscher Seite gefunden haben.
Österreich: ein Blatt für 39 Gemeinden
Für den Bezirk Bregenz gibt es eine ungewöhnlich gute Quelle: ein gemeinsames Gemeindeblatt für 39 Gemeinden, wöchentlich, frei, mit Textebene — eine Stichprobe hatte 88 Seiten. Das Archiv umfasst allerdings genau zwölf Monate: Was älter ist, wird entfernt. Dazu kommen das Landes-Amtsblatt, das seit 2015 nur noch online erscheint, sowie die frei zugänglichen Nachrichtenkanäle des Landes.
Die Uhr läuft, und das ist der eigentliche Befund
Aus diesen drei Beobachtungen ergibt sich ein ungewöhnlicher Schluss. Für die Schweizer Seite ist Eile unnötig — das Archiv steht, es läuft nicht weg. Für die deutsche und die österreichische Seite gilt das Gegenteil: Jede Woche, in der niemand die frei stehende Ausgabe sichert, ist eine Woche, die endgültig fehlt. Nicht weil jemand sie versteckt, sondern weil Speicherplatz auf Verlagsservern kostet und niemand einen Grund sieht, alte Anzeigenblätter aufzuheben.
Ein kleines Programm, das jede Woche einmal nachsieht, baut damit binnen zwei Jahren ein Archiv der deutschen und österreichischen Seeseite auf, das es sonst nirgends gibt. Das ist keine technische Meisterleistung, sondern reine Geduld — und genau deshalb eine, die selten jemand aufbringt.
Seit dem 31. Juli 2026 tun wir genau das. Einmal am Tag sieht ein Programm bei sechs Quellen nach, ob eine neue Ausgabe steht, und legt deren Text ab; die PDF-Datei wird nach der Textextraktion verworfen. Der erste Lauf brachte 260 Ausgaben, das Jahr aller Quellen zusammen wiegt rund 35 Megabyte. Wie wir uns dabei verhalten, ist Teil des Entwurfs und keine Nachlässigkeit: ein Programm-Kennzeichen, das unseren Vereinsnamen trägt statt sich als Browser auszugeben, eine Sekunde Pause zwischen zwei Abrufen und nie zwei Anfragen gleichzeitig. An einem gewöhnlichen Tag sind das acht Abrufe.
Der wertvollste Einzelfund dabei war nicht eine Zeitung, sondern das Amtsblatt der Stadt Konstanz: 199 Ausgaben zurück bis Januar 2018, vollständig, durchsuchbar — und als amtliches Werk vom Urheberrechtsschutz ausgenommen.
Sieben Titel sind nicht sieben Zeitungen
Als wir den Schweizer Teil vollständig hatten, stellte sich eine Frage, die wir vorher nicht auf dem Zettel hatten: Wie viel Vielfalt steckt eigentlich in sieben Titeln eines Verlagshauses? Wir haben dazu jede Seite normalisiert, mit einer Prüfsumme versehen und die Titel gegeneinander gehalten — 43’232 Seiten.
Das Ergebnis ist deutlich. Drei der sieben Blätter sind bis heute weitgehend dasselbe Blatt: Untersee-, Frauenfelder- und Weinfelder Nachrichten teilen sich rund neun von zehn Seiten; eigen ist ihnen jeweils nur eine Handvoll Lokalseiten. Drei weitere — Rheintaler Bote, Bodensee- und Oberthurgauer Nachrichten — sind praktisch vollständig eigenständig.
Die Kreuzlinger Nachrichten sind der interessante Fall: Bis 2021 gehörten sie zum gemeinsamen Mantel (2021 waren 92 % ihrer Seiten auch anderswo zu lesen), 2022 sind sie ausgeschert, und seit 2023 liefern sie zu rund 88 % eigenen Inhalt. Wer also die Seitenzahlen der sieben Titel addiert, kommt auf 43’232 — tatsächlich sind es 27’566 verschiedene Seiten. Ein gutes Drittel ist Mehrfachabdruck.
Das ist zunächst eine Beobachtung, keine Anklage: Ein gemeinsamer Mantel mit lokalen Wechselseiten ist ein normales und ökonomisch nachvollziehbares Modell für Gratisblätter. Aber es verändert, was man aus so einem Bestand ablesen darf. Wer zählt, wie oft ein Verein „in der Zeitung stand“, zählt sonst denselben Artikel vierfach. Unser Werkzeug speichert deshalb jeden Seitentext genau einmal und merkt sich, welche Blätter ihn führen.
Was wir damit machen, und was nicht
Wir haben das Verfahren an einem Titel erprobt und daraus ein Werkzeug gebaut, das den Bestand durchsuchbar macht, Organisationen und Geldflüsse sichtbar macht und Fragen in gewöhnlicher Sprache beantwortet — die Zahlen kommen dabei aus der Datenbank, das Sprachmodell formuliert sie nur, damit keine erfundene Zahl entsteht. Dieses Werkzeug läuft auf einem einzelnen Rechner, ist von außen nicht erreichbar, und das bleibt so: Der Bestand gehört uns nicht.
Was nach außen geht, sind unsere eigenen Ergebnisse — eine Übersicht der Akteure in unserer Nachbarschaft, Hinweise auf Fördertöpfe, ein Kalender wiederkehrender Anlässe. Der bisher praktischste Fund war ein kantonaler Fördertopf für Vereine im eigenen Bezirk, der in einer einzigen Ausgabe erwähnt wurde und in keiner Förderdatenbank auftauchte, die wir kannten. Für einen Verein im ersten Jahr ist das mehr wert als jede Marktanalyse.
Und der Teil, der ohnehin allen gehört, sind die Amtsblätter. Amtliche Werke sind vom Urheberrechtsschutz ausgenommen; was Städte und Länder dort veröffentlichen, darf ausgewertet und weitergegeben werden. Dass ausgerechnet diese Quelle in Konstanz auch die technisch beste ist — vollständig, seit 2018, maschinenlesbar —, ist ein glücklicher Zufall. Wenn wir Ergebnisse aus diesem Themenfeld einmal öffentlich zeigen, dann von dort aus.
Was das für mana bedeutet
- Ein Verein, der in einer Region etwas bewegen will, braucht zuerst ein Bild dieser Region: Welche Vereine bestehen, wer arbeitet mit wem, welche Stiftung hat zuletzt wen unterstützt, welche Anlässe wiederholen sich Jahr für Jahr. Diese Angaben stehen in keinem Register und in keinem offenen Datenportal. Sie stehen in der Lokalzeitung — und zwar verstreut über Jahrgänge.
- Wir haben das an einem einzigen Titel durchgespielt, den Kreuzlinger Nachrichten: 283 Ausgaben, 8'392 Seiten, daraus in einem ersten Durchgang rund 3'000 genannte Organisationen und über 800 Hinweise auf Förderungen, Spenden und Unterstützungen. Der praktisch wertvollste Fund war ein kleiner kantonaler Fördertopf für Vereine im eigenen Bezirk, von dem wir vorher nichts wussten. Ein Kanal, der als „Lokalblatt“ leicht zu unterschätzen ist, war damit ergiebiger als jede Förderdatenbank, die wir bis dahin gesichtet hatten.
- Der Bodensee ist für die Menschen, die hier leben, ein Alltagsraum, und für Daten eine Grenze. Was auf Schweizer Seite sechs Jahre tief offen liegt, endet auf deutscher Seite bei der laufenden Woche. Wer die Region als Ganzes beschreiben will, muss diese Asymmetrie im Datenmodell abbilden, statt sie wegzumitteln — sonst sieht es aus, als geschähe südlich des Sees mehr als nördlich davon.
- Für die nördliche Seite gilt: Was heute nicht gesichert wird, ist in einem Monat nicht mehr da. Ein wöchentlicher Mitschnitt der frei stehenden Ausgaben baut in zwei Jahren ein Archiv auf, das sonst niemand hat — und kostet fast nichts. Das ist der seltene Fall, in dem Geduld die Technik schlägt. Seit dem 31. Juli 2026 läuft dieser Mitschnitt bei uns: einmal täglich, sparsam, mit einem Programm von wenigen hundert Zeilen. Der erste Lauf sicherte 260 Ausgaben, darunter das vollständige Amtsblatt-Archiv der Stadt Konstanz seit 2018 und zwölf Monate Gemeindeblatt aus dem Bezirk Bregenz.
- Der sauberste Teil dieser Landschaft sind die Amtsblätter. Sie sind amtliche Werke, in Deutschland ausdrücklich vom Urheberrechtsschutz ausgenommen, und das Amtsblatt der Stadt Konstanz liegt seit 2018 vollständig und maschinenlesbar auf der Seite der Stadt. Wo wir Ergebnisse öffentlich zeigen wollen, ist das der Weg mit den wenigsten Fallstricken.
Offene Punkte
- Öffentlich zugänglich heißt nicht frei verwendbar. Zeitungsartikel sind urheberrechtlich geschützt, auch wenn sie ohne Bezahlschranke im Netz stehen. Unser Werkzeug auf diesem Bestand läuft deshalb ausschließlich auf einem Rechner im Verein, ist nicht im Netz erreichbar und wird es nicht werden; nach außen geht nur, was wir selbst daraus schreiben. Ob das Auswerten selbst — Text- und Data-Mining — in allen drei Ländern gleich zulässig ist, haben wir nicht abschließend geklärt. Für Deutschland gibt es dafür eine ausdrückliche Regel mit Vorbehalt der Rechteinhaber; für die Schweiz und Österreich steht die Prüfung aus.
- Ein Verlag, der sein Archiv offen ins Netz stellt, rechnet mit Leserinnen und Lesern, nicht mit einem Programm, das systematisch alles abholt. Wir halten das für einen echten Unterschied und behandeln ihn auch so: sparsam abrufen, nichts weiterverbreiten, und im Zweifel fragen statt schweigen. Ein Gespräch mit den Verlagshäusern über eine ausdrückliche Erlaubnis für gemeinnützige Auswertung steht aus — es wäre der bessere Weg als stilles Dulden.
- Lokalzeitungen sind voll von Namen von Privatpersonen — Jubilarinnen, Vereinsvorstände, Wettkampfergebnisse. Für ein Werkzeug, das nur eine Person benutzt, ist das beherrschbar. Sobald mehr als eine Person Zugriff hätte, braucht es eine Grenze im Datenmodell, die man später nicht nachrüsten kann.
- Am nördlichen und östlichen Ufer bleiben Lücken: Für den Bodenseekreis und für Lindau haben wir keine frei zugängliche Quelle mit Textebene gefunden — dort liegen die Ausgaben als Bilder-Blätterbücher oder hinter Bezahlschranken. Die beiden größten Tageszeitungen der Region sind vollständig kostenpflichtig.
- Die Mehrfachabdrucke haben wir inzwischen gemessen und im Werkzeug berücksichtigt (siehe unten) — für die sieben Schweizer Titel. Für die deutschen und österreichischen Blätter steht dieselbe Prüfung aus; solange sie fehlt, wären Zahlen über beide Ufer hinweg mit Vorsicht zu lesen.
- Warum die Kreuzlinger Nachrichten 2022 aus dem gemeinsamen Mantel ausgeschert sind, wissen wir nicht. Die Messung zeigt, dass es geschah, nicht warum — dafür müsste man den Verlag fragen.
Quellen Dritter
Was wir hier berichten, berichten andere zuerst und mit eigenem Namen daneben. Datum dort, wo es belegbar ist.
- Swiss Regiomedia — öffentlicher Zeitungs-Kiosk mit 23 Wochentiteln2026-07-31
- Stadt Konstanz — Amtsblatt-Archiv (PDF, ab 2018)2026-07-31
- sweb — E-Paper-Portal u. a. mit Konstanzer Anzeiger und Seewoche Überlingen2026-07-31
- Wochenblatt Singen/Hegau/Radolfzell — E-Paper der laufenden Woche2026-07-31
- Gemeindeblatt des Bezirks Bregenz — Archiv der letzten zwölf Monate2026-07-31
- Land Vorarlberg — Amtsblatt, seit 2015 ausschließlich online2026-07-31
- Lindauer Bürgerzeitung — E-Paper als Blätterbuch ohne Textebene2026-07-31
- NUSSBAUM Medien — über 340 Amtsblätter in Baden-Württemberg, Zugang nur mit Konto2026-07-31
- § 5 UrhG (Deutschland) — Amtliche Werke genießen keinen Urheberrechtsschutz
- § 44b UrhG (Deutschland) — Text und Data Mining, mit Nutzungsvorbehalt
- seemoz — unabhängiges Onlinemagazin für Konstanz und die Region2026-07-31
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Recherchen sind das Langform-Format. Die kurze, datierte Version solcher Entwicklungen sammelt die Souveränitäts-Chronik; die Grund-Annahmen, auf denen mana steht, stehen unter den Thesen.