Recherchen·Protokoll·geprüft 2026-07-29
Das Protokoll, über das KI-Programme unsere Werkzeuge aufrufen, ist neu gebaut worden — müssen wir mit?

MCP wird zustandslos — das größte Update seit Erfindung des Protokolls

Am 28. Juli 2026 ist eine neue Fassung des Model Context Protocol erschienen — der Sprache, in der KI-Programme mit fremden Werkzeugen reden. Der Kern ist umgebaut: Die Verbindung merkt sich nichts mehr. Wir betreiben selbst einen solchen Server und haben nachgesehen, was das für uns heißt.

Der Befund

Die Revision 2026-07-28 entfernt den Verbindungsaufbau, die Sitzungs-Kennung und die dauerhaft offenen Kanäle: Jede Anfrage steht ab jetzt für sich allein. Das ist ein Bruch, aber ein Bruch zu unseren Gunsten — ein zustandsloser Server läuft auf gewöhnlicher, billiger Technik und übersteht Neustarts, während die alte Bauweise klebrige Sitzungen und geteilten Speicher verlangte. Alte und neue Seiten reden mindestens zwölf Monate weiter miteinander; unser eigener Server muss in dieser Frist nachziehen.

12 Monate
So lange bleibt jede abgekündigte Fähigkeit mindestens funktionsfähig — das Projekt hat sich mit dieser Revision erstmals eine verbindliche Abkündigungs-Frist gegeben. Für uns ist nicht das Update die gute Nachricht, sondern diese Regel: Sie verwandelt einen Bruch in einen planbaren Termin.
MCP — Feature Lifecycle and Deprecation Policy (SEP-2596), 2026-07-28
Einordnung

Wenn ein KI-Programm etwas tun soll, das über Reden hinausgeht — einen Termin eintragen, eine Notiz speichern, ein Bild erzeugen —, dann braucht es eine Sprache, in der es dem zuständigen Dienst sagen kann, was es will. Seit Ende 2024 gibt es dafür einen offenen Standard, das Model Context Protocol, kurz MCP. Er hat sich in erstaunlichem Tempo durchgesetzt: Die vier Haupt-Bibliotheken werden nach Angaben des Projekts inzwischen fast eine halbe Milliarde Mal pro Monat heruntergeladen.

Uns geht das direkt an. Der Verein betreibt einen solchen Server selbst — er sammelt die Werkzeuge unserer Apps an einer Stelle, prüft, wer sie aufrufen darf, und schreibt mit, was aufgerufen wurde. Am 28. Juli 2026 ist eine neue Fassung des Protokolls erschienen, die das Projekt selbst als die größte Änderung seit Einführung der Anmeldung bezeichnet. Wir haben nachgesehen, was sich ändert und was es uns kostet.

Was sich geändert hat

Bisher funktionierte MCP wie ein Telefonat. Zuerst wählte man, es gab eine Begrüßung, in der beide Seiten aushandelten, was sie können — und danach existierte eine Leitung, die beide offen halten mussten. Jede weitere Anfrage lief durch diese Leitung, und der Server merkte sich unter einer Kennung, mit wem er da eigentlich spricht.

Die neue Fassung schafft das Telefonat ab. Jede Anfrage ist ab jetzt ein Brief: Sie trägt selbst mit sich, welche Protokoll-Fassung sie spricht, wer sie schickt und was der Absender kann. Es gibt keine Begrüßung mehr, keine Sitzungs-Kennung und keinen dauerhaft offenen Kanal. Auch das gegenseitige „bist du noch da?“ ist ersatzlos verschwunden.

Das klingt nach einer Kleinigkeit und ist die eigentliche Nachricht. Ein Server, der sich zwischen zwei Anfragen nichts merken muss, ist ein gewöhnlicher Webdienst. Man kann ihn hinter jeden simplen Verteiler stellen, neu starten, verschieben oder vervielfachen, ohne dass jemand etwas davon bemerkt. Die alte Bauweise verlangte, dass jede Anfrage desselben Gesprächs wieder beim selben Rechner landet — und wer das über mehrere Rechner hinweg wollte, brauchte einen gemeinsamen Speicher dahinter. Der Chef des Sicherheits-Anbieters Stacklok bringt es in der Berichterstattung auf den Punkt: Der Sitzungs-Charakter sei ohnehin nie eine Entwurfs-Entscheidung gewesen, sondern ein Nebenprodukt der Herkunft — MCP wurde für Programme auf dem eigenen Rechner erfunden und erst danach ins Netz gehoben.

Damit trotzdem möglich bleibt, was die offene Leitung erlaubte, kommen drei Ersatz-Bauteile:

Zwischenfragen mitten im Aufruf. Braucht ein Server während der Arbeit eine Bestätigung oder eine fehlende Angabe, antwortet er nicht mehr über die Leitung zurück, sondern beendet die Anfrage mit „dazu brauche ich noch etwas“. Der Client holt die Angabe ein und wiederholt den kompletten Aufruf mit der Antwort im Gepäck.

Ein einziger Melde-Kanal, auf Wunsch. Wer über Änderungen unterrichtet werden will — neue Werkzeuge, veränderte Inhalte —, meldet sich für genau diese Arten von Nachrichten an und bekommt einen Strom. Vorher war das über mehrere Mechanismen verstreut.

Listen dürfen altern. Antworten auf „welche Werkzeuge hast du“ tragen jetzt eine Haltbarkeit und einen Vermerk, ob ein Zwischenspeicher sie teilen darf. Das spart den ewigen Nachfrage-Verkehr.

Dazu kommen zwei Änderungen, die man erst auf den zweiten Blick schätzt. Jede Anfrage trägt ab jetzt in ihren Kopfzeilen, welche Methode sie aufruft und welches Werkzeug sie meint. Damit können Schutzwälle, Zähler und Verteiler davor entscheiden, ohne den Inhalt der Nachricht aufschneiden zu müssen — für alle, die solche Dienste absichern, ist das eine spürbare Erleichterung. Und bei der Anmeldung zieht das Protokoll näher an die etablierten Standards heran: Ein Client muss künftig prüfen, ob eine Erlaubnis wirklich von der Stelle stammt, bei der er sie angefragt hat, und Zugangsdaten dürfen nicht mehr über verschiedene Anmelde-Stellen hinweg wiederverwendet werden.

Was verschwindet

Abgekündigt sind drei Fähigkeiten, mit denen der Server bisher in Richtung des Nutzers zurückgreifen konnte: sich beim Client ein Sprachmodell ausleihen, nach Verzeichnissen auf dem Rechner fragen, und der eingebaute Protokoll-Kanal. Sie funktionieren weiter, aber neue Umsetzungen sollen sie nicht mehr aufgreifen. Dazu kommt der alte Transportweg, der seit anderthalb Jahren als überholt galt, und die automatische Anmeldung von Clients, die durch ein schlankeres Verfahren ersetzt wird.

Ersatzlos gestrichen — nicht abgekündigt — ist die Möglichkeit, eine abgerissene Antwort dort fortzusetzen, wo sie abbrach. Wer unterbrochen wird, fragt neu.

Wie hart der Bruch wirklich ist

Härter, als die Beruhigungen vermuten lassen, und weicher, als die Überschriften klingen. Beide Richtungen sind abgesichert: Ein Server der neuen Fassung beantwortet die alte Begrüßung weiterhin, und ein Client der neuen Fassung fällt auf sie zurück, wenn er auf einen alten Server trifft. Bestehende Installationen laufen also am Stichtag unverändert weiter.

Ehrlich benannt hat das Anthropic-Mitglied David Soria Parra in der Berichterstattung, wo es weh tut: Wer eine eigene Umsetzung gebaut hat statt die fertige Bibliothek zu benutzen, habe erheblich zu tun, um sie korrekt zu bekommen. Und die Zwölf-Monats-Frist ist eine Frist und keine Gnade — sie verschiebt den Aufwand, sie erlässt ihn nicht.

Für uns ist das die richtige Reihenfolge: Wir haben ein Jahr Zeit, wir müssen den Dienst ohnehin anfassen, und wir gewinnen dabei etwas, das wir sonst mühsam selbst gebaut hätten.

Vereins-Bezug

Was das für mana bedeutet

  • Wir sind betroffen, und zwar konkret: Der Vereins-Dienst `mana-mcp` ist genau so ein Server. Er sammelt die Werkzeuge unserer Apps in einer Registry und liefert sie an KI-Programme aus — mit Anmeldung, Protokoll und Kostenzählung davor. Er hängt heute an der Bibliothek in Fassung 1 und hält Sitzungen in einer Tabelle im Arbeitsspeicher. Genau dieses Stück entfällt in der neuen Fassung.
  • Das Update kommt uns entgegen, statt uns zu treffen. Ein Server, der sich nichts merkt, kann neu gestartet, verschoben und verdoppelt werden, ohne dass ein Aufruf verloren geht. Für einen Verein, der seine Dienste auf einem einzelnen Rechner im Eigenbetrieb hält, ist das der Unterschied zwischen „Neustart bedeutet Ausfall" und „Neustart bemerkt niemand".
  • Der Umbau ist Arbeit, aber überschaubar große. Die neue Bibliothek ist in einzelne Pakete zerlegt, darunter eines für genau den Webserver-Bausatz, auf dem unsere Dienste stehen, und ein Werkzeug, das den Großteil der Quelltext-Änderungen selbst vornimmt. Wir schätzen das auf Tage, nicht Wochen — und wir müssen es ohnehin anfassen, weil der geplante Schreib-Zugriff für managarten auf demselben Dienst aufsetzt.
  • Drei Fähigkeiten, die wir bisher nicht nutzen, sind abgekündigt: dass ein Server beim Client ein Sprachmodell ausleiht, dass er nach Verzeichnissen fragt, und der eingebaute Protokoll-Kanal. Dass wir hier nichts zu verlieren haben, ist Glück und nicht Weitsicht — festhalten wollen wir trotzdem, warum: Wir haben diese Wege gemieden, weil sie den Server über die Grenze in den Rechner des Nutzers hinein hätten reichen lassen.
  • Die Verschärfungen bei der Anmeldung nehmen wir gern mit. Dass ein Client die Herkunft einer Erlaubnis künftig prüfen muss, bevor er sie einlöst, und dass Zugangsdaten nicht mehr über verschiedene Anmelde-Stellen hinweg wiederverwendet werden dürfen, ist eine Anhebung des Bodens, nicht der Decke. Wir betreiben unsere Anmelde-Stelle selbst und müssen beides nachziehen.
  • Der eigentliche Gewinn ist die Regel dahinter. Ein offenes Protokoll, das sich selbst eine Mindest-Frist von zwölf Monaten für Abkündigungen auferlegt, ist für kleine Betreiber wertvoller als jede einzelne technische Neuerung. Wir können planen, statt zu reagieren — und genau daran messen wir, ob wir uns von einem Standard abhängig machen wollen.
Ehrlich benannt

Offene Punkte

  • Wann wir umbauen, ist offen. Die neuen Bibliotheken tragen zum Zeitpunkt dieser Prüfung noch den Beta-Vermerk, und die gewohnte TypeScript-Fassung steht auf 1.30.0 — wir haben keinen Grund, in der ersten Woche zu springen. Der späteste sinnvolle Zeitpunkt ist das Ende der Zwölf-Monats-Frist, der wahrscheinliche ein ruhiger Moment im Herbst.
  • Ein Verlust ist real und noch nicht bewertet: Bricht die Verbindung mitten in einer Antwort ab, kann sie nicht mehr fortgesetzt werden — der Aufruf muss komplett wiederholt werden. Für kurze Werkzeug-Aufrufe ist das egal. Für alles, was länger als ein paar Sekunden läuft, ist die vorgesehene Antwort eine Zusatz-Erweiterung, die wir nicht einsetzen. Ob wir sie brauchen, hängt daran, welche langlaufenden Werkzeuge wir künftig anbieten.
  • Wir haben die neue Fassung nicht selbst gegen unseren Dienst getestet. Alles hier steht auf der Spezifikation, den Veröffentlichungs-Notizen und dem Blick in unseren eigenen Quelltext. Belastbar wird die Aussage erst mit einem laufenden Prototyp.
  • Offen ist, ob die Zwischenfrage-Bauweise für unsere Zwecke taugt. Ein Server kann eine Anfrage künftig mit „ich brauche noch etwas von dir" beantworten, worauf der Client den ganzen Aufruf mit der Antwort darin wiederholt. Das ist sauber gedacht — aber es verlagert die Verantwortung für den Zwischenstand vom Protokoll zu uns.

Recherchen sind das Langform-Format. Die kurze, datierte Version solcher Entwicklungen sammelt die Souveränitäts-Chronik; die Grund-Annahmen, auf denen mana steht, stehen unter den Thesen.