Freenet — ein Netz ohne Server, und warum wir trotzdem nicht umziehen
Freenet ist neu gebaut worden: kein zentraler Server, keine Konten, kein Anbieter in der Mitte — Anwendungen laufen auf den Rechnern ihrer Nutzer. Das Ziel teilen wir. Der Weg führt heute an unseren Menschen vorbei: Es gibt keine App fürs Telefon, man muss erst ein Programm installieren, und was einmal im Netz liegt, lässt sich nicht mehr löschen. Zwei Ideen daraus nehmen wir trotzdem mit.
Das neu gebaute Freenet löst ein Problem, das wir teilen — Abhängigkeit von Servern, die jemandem gehören. Es tauscht es aber gegen zwei, die wir uns nicht leisten dürfen: Es läuft nur auf Desktop-Rechnern und nicht auf Telefonen, und ein Netz, das nichts abschalten kann, kann auch nichts löschen. Für unsere Apps ist es deshalb kein Fundament. Als Ideengeber ist es eines der interessantesten Projekte der freien Software gerade.
Fast alles, was wir im Netz benutzen, läuft auf Servern, die jemandem gehören. Wer diese Server abschaltet, den Preis erhöht oder die Regeln ändert, entscheidet über die Anwendung — unabhängig davon, wie viel Mühe die Menschen hineingesteckt haben, die sie nutzen. Das ist der Grund, warum wir unsere Apps zuerst auf das Gerät schreiben und einen Abgleich nur als Angebot bauen.
Es gibt eine radikalere Antwort auf dieselbe Frage, und sie ist im März 2026 wieder ans Netz gegangen: Freenet. Nicht als Speicher für Dateien wie in den Nullerjahren, sondern neu gebaut als Plattform für Anwendungen, die überhaupt keinen Server mehr haben. Wir haben uns angesehen, was daran taugt und was es für uns bedeutet.
Was das Projekt gebaut hat
Man kann sich Freenet als einen weltweiten, geteilten Computer vorstellen, der aus den Rechnern seiner Nutzer besteht. Wer mitmacht, installiert ein kleines Programm, das im Hintergrund läuft. Dieses Programm verbindet sich mit einer Handvoll Nachbarn, und über diese Nachbarschaften findet jede Anfrage in wenigen Schritten ihr Ziel — dieselbe Struktur, die dafür sorgt, dass zwei beliebige Menschen über erstaunlich wenige Bekannte verbunden sind.
Eine Anwendung ist dabei kein Programm auf einem Server, sondern ein Stück Code, das im Netz selbst liegt und drei Fragen für seine Daten beantwortet: Was ist ein gültiger Eintrag, wer darf ihn ändern, und wie werden zwei Fassungen zusammengeführt? Bedienen lässt sich das Ganze über den ganz normalen Browser, der die Oberfläche vom Programm auf dem eigenen Rechner bekommt statt aus dem Netz.
Bemerkenswert ist, was nicht darin steckt: keine Blockchain, keine Münze, kein Schürfen. Das Projekt betont das ausdrücklich, und man merkt es der Technik an — die Einigkeit über den Datenstand entsteht nicht durch Abstimmung, sondern dadurch, dass Änderungen so gebaut sein müssen, dass ihre Reihenfolge egal ist. Dahinter steht ein gemeinnütziger Verein, finanziert über Spenden. Strukturell ist das unser Zwilling.
Es gibt bereits vorzeigbare Anwendungen: einen Gruppen-Chat mit verschlüsselten Räumen, einen Baukasten zum Veröffentlichen von Webseiten, eine E-Mail-Variante und eine Möglichkeit, Quelltext-Ablagen über das Netz zu teilen. Sie laufen, und der Chat antwortet in unter einer Sekunde.
Wo es für uns aufhört
Das Projekt ist bemerkenswert ehrlich über seinen Stand — es steht dort wörtlich, dass man es für nichts Sensibles verwenden soll. Drei Punkte machen es für unsere Apps trotzdem nicht nur „noch nicht“, sondern grundsätzlich ungeeignet.
Es gibt es nicht fürs Telefon. Windows, macOS, Linux — mehr nicht. Unsere Kinder-Apps laufen auf Tablets, unsere Alltags-Apps auf Handys. Und das ist keine Bequemlichkeitsfrage: Ein Telefon ist ein schlechter Teilnehmer in einem Netz, das darauf baut, dass alle etwas beitragen, weil das Betriebssystem Programme im Hintergrund stilllegt.
Man muss etwas installieren, bevor man etwas benutzen kann. Wir verschicken Links. Eine Anwendung, die zuerst ein Hintergrundprogramm verlangt, verliert genau die Menschen, für die wir bauen.
Und was hineinkommt, kommt nicht wieder heraus. „Kann nicht abgeschaltet werden“ ist für Menschen unter Zensur ein Segen. Für einen Verein, der die Daten seiner Mitglieder verarbeitet, ist es das Gegenteil: Wir müssen Auskunft geben und löschen können. Dazu kommt, dass jeder mitmachende Rechner Datenpakete anderer zwischenspeichert, ohne deren Inhalt zu kennen. Ein Familien-Tablet ungefragt zum Mitverteiler unbekannter Inhalte zu machen, kommt für uns nicht in Frage.
Was wir mitnehmen
Eine Recherche, die mit „nein“ endet, ist trotzdem eine gute Recherche, wenn zwei Dinge hängen bleiben.
Das erste ist ein Anspruch an unseren eigenen Abgleich. Heute gilt bei uns im Zweifel: Die neuere Änderung gewinnt. Freenet verlangt von jeder Anwendung mehr — Änderungen müssen so gebaut sein, dass es keine Rolle spielt, in welcher Reihenfolge sie ankommen. Wer das durchhält, hat keine Konflikte zu lösen, sondern nur noch zusammenzuführen. Das ist die anspruchsvollere Bauweise, und sie ist der Grund, warum bei ihnen zwei Geräte nach beliebiger Offline-Zeit zum selben Ergebnis kommen.
Das zweite betrifft Missbrauch. In einem Netz ohne Betreiber gibt es niemanden, der jemanden hinauswerfen kann — das Problem haben wir in kleiner Form auch, weil wir keine Werbe-Wirtschaft betreiben, die massenhaft angelegte Konten finanziert. Freenets Antwort gefällt uns: Einladungen bilden einen Baum, wer jemanden hereinbittet, haftet für ihn, und ein Ausschluss trifft den ganzen Zweig, den diese Person mitgebracht hat. Dazu ein Identitätsnachweis, der eine kleine Spende voraussetzt und trotzdem anonym bleibt, weil die ausstellende Stelle die Bescheinigung unterschreibt, ohne zu sehen, wem sie gehört. Beides denken wir bei unserer Einladungsmünze mit.
Und der Name?
Drei Projekte heißen heute Freenet, und das ist kein Zufall, sondern eine Trennungsgeschichte. Das ursprüngliche Freenet von 1999 war ein anonymes Veröffentlichungs-Netz und heißt seit 2023 Hyphanet — der Name musste weichen, weil ihn der Gründer für den Nachfolger wollte, gegen den Widerstand der bisherigen Betreuer. Der Nachfolger ist das Projekt, um das es hier ging. Und die deutsche freenet AG, die den meisten zuerst einfällt, verkauft Mobilfunk und hat mit beidem nichts zu tun.
Wir schauen Anfang 2027 wieder hin. Bis dahin bleibt Freenet für uns das, was es heute ist: ein Projekt, dessen Ziel wir teilen, dessen Kompromisslosigkeit wir bewundern und dessen Preis wir unseren Nutzern nicht zumuten würden.
Was das für mana bedeutet
- Das Ziel ist unseres: keine fremde Firma zwischen Mensch und Anwendung, kein Konto, keine Auswertung. Der Unterschied liegt im Weg. Freenet löst es in einem Schritt und absolut. Wir lösen es schichtweise — die Daten liegen zuerst auf dem Gerät, ein Abgleich ist freiwillig, und wer will, nutzt seinen eigenen Speicher. Jede Stufe funktioniert für sich, auch wenn die nächste noch nicht steht.
- Der praktische Bruch ist das Telefon. Freenet läuft heute auf Windows, macOS und Linux; eine App fürs Handy gibt es nicht. Unsere Menschen sind aber auf Telefonen und Tablets unterwegs, und ein Handy ist ein schlechter Server — das Betriebssystem friert Programme im Hintergrund ein, sobald der Bildschirm ausgeht.
- Die zweite Hürde ist der Einstieg. Unsere Anwendungen öffnen sich mit einem Link. Bei Freenet installiert man zuerst ein Hintergrundprogramm, das die Anwendung dann im Browser öffnet. Für eine Erzieherin, die im Alltag auf einen geteilten Link tippt, ist das eine Hürde zu viel — und der bequeme Ausweg des Projekts, eine Demo auf ihrem eigenen Server, ist genau die Zentralisierung, die vermieden werden sollte.
- Rechtlich ist Unlöschbarkeit kein Werbeversprechen, sondern ein Problem. „Kann nicht abgeschaltet werden" bedeutet auch: kann nicht zurückgenommen werden. Ein Verein, der personenbezogene Daten verarbeitet, muss Auskunft geben und löschen können. Dazu kommt, dass jeder mitmachende Rechner Daten anderer zwischenspeichert, deren Inhalt er nicht kennt — wir können Familien nicht ungefragt zu Mitverteilern unbekannter Inhalte machen.
- Zwei Ideen nehmen wir trotzdem mit, ganz ohne Freenet zu benutzen. Erstens die strenge Form der Zusammenführung: Änderungen müssen so beschaffen sein, dass die Reihenfolge egal ist. Wer das durchhält, hat beim Abgleich zweier Geräte keine Streitfälle mehr — das ist ein höherer Anspruch als unser heutiges „die neuere Änderung gewinnt". Zweitens die Art, wie Freenets Chat-Anwendung Missbrauch begegnet: Einladungen bilden einen Baum, und wer jemanden hereinbittet, haftet für ihn; ein Ausschluss trifft den ganzen Zweig. Dazu ein Identitätsnachweis, der etwas kostet, aber niemanden verrät. Beides passt neben unsere Einladungsmünze.
- Und eine Klarstellung, die diese Recherche mehr Zeit gekostet hat als erwartet: Drei verschiedene Dinge heißen heute Freenet. Das neu gebaute Projekt auf freenet.org, um das es hier geht. Das ursprüngliche Freenet von 1999, das 2023 in Hyphanet umbenannt wurde, weil der Name an den Nachfolger ging. Und die deutsche freenet AG, ein börsennotierter Mobilfunk-Anbieter, der mit beiden nichts zu tun hat.
Offene Punkte
- Wir haben Freenet nicht selbst betrieben. Diese Einordnung stützt sich auf die Dokumentation des Projekts, seine Quelltexte und die öffentliche Berichterstattung — nicht auf einen eigenen Testlauf. Für die Entscheidung „nicht als Fundament" reicht das; für ein Urteil über die Alltagstauglichkeit nicht.
- Wie groß das Netz ist, sagt niemand. Es gibt eine öffentliche Live-Übersicht, aber keine Zahl mitmachender Rechner. Ohne die bleibt „skaliert" eine Behauptung, die wir nicht nachprüfen können.
- Ob sich Inhalte technisch zurückziehen lassen oder nur mit der Zeit aus den Zwischenspeichern fallen, ist uns nicht klar. Das ist die Frage, an der die datenschutzrechtliche Bewertung hängt — sie steht aus.
- Der anonyme Identitätsnachweis, den wir interessant finden, hängt an einer zentralen Stelle, die die Bescheinigungen ausstellt. Übernähmen wir das Muster, wären wir diese Stelle. Das ist vertretbar, muss aber bewusst entschieden und in unserer Datenschutz-Folgenabschätzung abgebildet werden.
- Wir schauen im Januar 2027 erneut hin. Was die Bewertung wirklich drehen würde, ist eine Fassung fürs Telefon zusammen mit einer stabilen ersten Version. Solange es beides nicht gibt, ändert sich an dieser Einschätzung nichts.
Quellen Dritter
Was wir hier berichten, berichten andere zuerst und mit eigenem Namen daneben. Datum dort, wo es belegbar ist.
- Freenet — Häufige Fragen (Architektur, Geschichte, Abgrenzung zu Hyphanet)
- Freenet — Apps & Ökosystem (River, Delta, Mail, freenet-git, Atlas)
- Freenet — Schnellstart mit den eigenen Hinweisen zu Alpha-Stand, Telemetrie und Desktop-Beschränkung
- River — Gruppen-Chat ohne Server, inklusive der Sektion „Wo River heute steht“
- Freenet — Ghost Keys: anonyme, bezahlte Identitätsnachweise per blinder Signatur
- Quelltext freenet-core (Rust, AGPL; Standardbibliothek unter LGPL)
- Slashdot — New Freenet Network Launches, Along With ‚River‘ Group Chat2026-03-15
- Wikipedia — Hyphanet (das ursprüngliche Freenet, 2023 umbenannt)
- freenet AG — der gleichnamige deutsche Mobilfunk-Anbieter
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Recherchen sind das Langform-Format. Die kurze, datierte Version solcher Entwicklungen sammelt die Souveränitäts-Chronik; die Grund-Annahmen, auf denen mana steht, stehen unter den Thesen.