Zwei Köpfe und ein Prüfblick — Lehren aus einem Bewerbungs-Werkzeug
Ein Geophysiker hat sich ein quelloffenes Werkzeug gebaut, das seine Bewerbungen schreibt. Der Zweck interessiert uns nicht. Interessant ist, wie streng es sich selbst misstraut — mit einem zweiten Kopf, einer Belegpflicht und einem Blick auf das fertige Dokument statt auf die Quelldatei.
Das Werkzeug lässt jeden Entwurf von einem zweiten, unabhängigen Kopf prüfen, streicht jede Behauptung, die keine von drei Belegquellen stützt, und nimmt das fertige PDF erst ab, wenn es hineingesehen hat — drei Prüfschleifen, die unseren Antrags- und Drucksachen-Wegen bisher fehlen.
- Autor
- Mads Lorentzen und Mitwirkende
- Venue
- GitHub (MadsLorentzen/ai-job-search) (2026)
- Lizenz
- MIT (Anleitungen, Vorlagen und Prüfwerkzeuge)
Ein Geophysiker in Dänemark hat sich Anfang 2026 ein Werkzeug gebaut, das ihm beim Wechsel in einen neuen Beruf half: Es liest eine Stellenausschreibung, bewertet, ob sie passt, schreibt Lebenslauf und Anschreiben zugeschnitten auf diese eine Stelle, setzt sie als PDF und führt Buch darüber, was daraus wurde. Nachdem er die Stelle hatte, hat er das Ganze unter einer freien Lizenz veröffentlicht.
Der Zweck ist nicht unserer. Wir bewerben uns nicht auf Stellen. Wir haben es trotzdem vollständig gelesen, weil es etwas tut, das wir zu selten tun: Es misstraut sich selbst an drei Stellen, an denen wir uns vertrauen.
Der zweite Kopf
Der Kern des Werkzeugs sind nicht die Vorlagen, sondern eine Arbeitsteilung. Ein erster Durchgang schreibt den Entwurf. Danach wird ein zweiter, unabhängiger Durchgang gestartet — mit leerem Gedächtnis, ohne die Vorgeschichte zu kennen. Er bekommt den Entwurf im Wortlaut mitgeliefert, statt ihn selbst zusammenzusuchen, recherchiert das Gegenüber ausschließlich ausgehend von dessen Namen, und liefert zwei getrennte Dinge zurück.
Das erste ist eine Liste von Textänderungen in maschinenlesbarer Form: alter Wortlaut, neuer Wortlaut, ein Satz Begründung. Diese Änderungen kann der erste Durchgang direkt anwenden, ohne die Dateien noch einmal zu lesen. Das zweite ist eine Einschätzung in festen Kategorien: übersehene Anforderungen, mögliche inhaltliche Anknüpfungen, kraftlose Formulierungen, Ton und Register.
Und hier steht die Zeile, die wir für unsere eigenen Berichte übernehmen sollten: Jede Kategorie muss beantwortet werden, auch wenn der Befund „nichts gefunden“ lautet. Denn Schweigen zu einer Kategorie ist von „nicht geprüft“ nicht zu unterscheiden. Wer einen Prüfbericht liest, muss sehen können, was geprüft und für unauffällig befunden wurde.
Die Belegpflicht — und der stille Verlust
Die zweite Schleife ist ein Abgleich jeder Behauptung gegen drei Belegquellen. Ein Datum, eine Rolle, eine Zahl darf im Text stehen, wenn eine der drei sie stützt. Sonst wird sie entfernt. Betonung darf sich verschieben, Tatsachen und Zahlen nicht.
Diese Strenge hat eine unangenehme Folge, die das Werkzeug offen benennt: Sie kann eine Erfindung nicht von einer echten Tatsache unterscheiden, die der Mensch vergangene Woche mündlich beigetragen hat. Beides ist unbelegt, beides wird gestrichen. Die Folgerung daraus ist nicht, die Prüfung zu lockern, sondern eine Bringschuld einzuführen: Was bestätigt wurde, wandert im selben Arbeitsschritt in die Belegdatei — nicht ans Ende, nicht in ein Protokoll, sondern dorthin, wo die Prüfung nachschaut.
Für uns ist das der wertvollste Satz des Projekts. Unsere Anträge entstehen über Wochen, in vielen Sitzungen, oft in Gesprächen. Eine Zahl, die dabei mündlich fällt und nirgends landet, ist beim nächsten Öffnen nicht bloß vergessen — sie wird aktiv entfernt, weil sie wie eine Erfindung aussieht. Und niemand merkt es, weil ein Streichen keine Fehlermeldung erzeugt.
Sauber gelöst ist auch der Sonderfall: Widersprechen sich zwei der drei Belegquellen untereinander, ist das eine eigene Meldung an den Menschen — und kein Anlass, den Text zu korrigieren. Eine Uneinigkeit der Quellen ist ein Problem der Quellen.
Kürzen nach Gewicht
Wenn der Text zu lang ist, kürzt das Werkzeug nicht das Älteste und nicht das Unterste. Es bewertet jede einzelne Zeile nach drei Größen: Wie sehr trifft sie das, worum es in diesem Fall geht? Steht sie inhaltlich schon irgendwo anders? Hängt ein anderer Text von ihr ab? Die niedrigste Summe fliegt zuerst, quer über alle Abschnitte hinweg.
Zwei Verbote begleiten das. Erstens: keine Ränder und keine Zeilenabstände schrumpfen, um Platz zu gewinnen. Zweitens, und das ist die Haltungs-Entscheidung: Fehlt eine Anforderung wirklich, wird sie ehrlich benannt und nicht durch Stichwortstopfen verdeckt. Der Bericht unterscheidet ausdrücklich zwischen „haben wir, steht nur nicht da“ — dann ergänzen — und „haben wir nicht“ — dann offen sagen.
Der Blick auf das Ergebnis
Die dritte Schleife ist die handwerklichste und die, die unseren Drucksachen fehlt. Der Ablauf verbietet, ein Dokument als fertig zu melden, solange niemand in das erzeugte PDF gesehen hat. Die Begründung steht direkt dabei: Seitenumbrüche sind nicht vorhersagbar, und eine tadellose Quelldatei erzeugt regelmäßig ein kaputtes Ergebnis — eine Stellenüberschrift allein am Fuß der ersten Seite, während ihre Aufzählung auf der zweiten beginnt; eine Unterschrift, die auf eine zweite Seite rutscht; eine Aufzählung in einer anderen Schrift als der Text um sie herum.
Getrennt davon prüft das Werkzeug etwas, das man mit den Augen gar nicht sehen kann: die Textschicht des PDF. Ein Dokument, das auf dem Bildschirm perfekt aussieht, kann sich in Text zurückverwandeln lassen als Zeichensalat — fehlende Zeichen, verdrehte Lesereihenfolge bei mehrspaltigen Entwürfen, und Kontaktangaben, die nur als Bildzeichen existieren und damit für jedes lesende Programm unsichtbar sind. Fehlt das Prüfwerkzeug auf der Maschine, wird die Prüfung übersprungen — aber der übersprungene Schritt steht im Abschlussbericht. Kein stilles Weglassen.
Die lauten Wächter
Ein letzter Fund liegt außerhalb der eigentlichen Arbeit, in der Bauprüfung des Projekts. Zwei kleine Prüfprogramme, ohne Fremdabhängigkeiten, mit einem bemerkenswerten Leitsatz im Kopf der Datei: Diese Wächter machen die gefährlichen Änderungen laut, nicht unmöglich.
Der erste prüft die Anleitungen selbst: Hat jede einen lesbaren Kopf mit Namen und Beschreibung? Verweist sie auf Dateien, die es wirklich gibt? Beginnt jede Befehlsdatei mit dem Befehl, den sie beschreibt? Das sind genau die Fehler, an denen bei uns eine Anleitung stumm nicht lädt.
Der zweite ist der interessantere. Weil dieses Projekt dazu gedacht ist, kopiert zu werden, liefert es vorab erteilte Berechtigungen mit — Befehle, die der Assistent bei jeder Person ohne Rückfrage ausführen darf. Deshalb liegt die Liste der erlaubten Berechtigungen im Prüfcode selbst. Wer eine hinzufügt, muss beide Stellen ändern; die Ausweitung ist damit im Änderungssatz sichtbar statt darin begraben. Dazu zwei weitere Prüfungen: dass kein mitgeliefertes Paket beim Einrichten fremden Code ausführen darf, und — unser Lieblingsfund — dass die Regeln, die persönliche Dateien vom Mitschreiben ausschließen, nicht durch eine nachgestellte Ausnahme wieder eingeschaltet werden. Denn dann ist die Regel weiterhin vorhanden und wirkungslos. Eine Prüfung, die nur nachsieht, ob die Regel da steht, sieht das nicht.
Das ist dieselbe Fehlerklasse, die wir an anderen Stellen gesammelt haben: Ein Zähler, der auf null steht, weil er das Falsche zählt. Eine Antwort, die erfolgreich meldet, dass nichts passiert ist. Ein Wächter, der prüft, ob die Regel geschrieben ist, statt ob sie wirkt.
Was bleibt
Nichts davon ist eine Erfindung. Ein zweiter Leser, eine Belegpflicht und ein Blick auf das fertige Werkstück sind so alt wie das Handwerk. Neu ist, dass hier jemand sie für die Arbeit mit einem Sprachmodell aufgeschrieben hat, in einer Form, die wir übernehmen können, ohne eine Zeile fremden Code zu benutzen.
Und die eine Regel, die wir sofort einführen: Was bestätigt ist, wandert augenblicklich in die Quelle. Alles andere verschwindet — leise, und ausgerechnet in den Dokumenten, bei denen es am meisten kostet.
Was das für uns bedeutet
- Wir schreiben Förder- und Projektanträge über Wochen und über viele Sitzungen hinweg. Genau dort greift die unangenehmste Regel des Werkzeugs: Ein Fakt, der nur im Gespräch bestätigt wurde und nie in eine Belegdatei gewandert ist, wird von der nächsten Sitzung als unbelegte Behauptung erkannt und aus dem Text entfernt. Der Verlust ist still — eine echte Leistung verschwindet unauffällig aus jeder weiteren Fassung.
- Die Antwort darauf ist keine Lockerung der Prüfung, sondern eine Bringschuld: Was bestätigt wurde, wandert im selben Zug in die Quelldatei. Wir haben eine solche Belegsammlung bereits — sie wird bloß nicht verbindlich mitgeschrieben.
- Der zweite Kopf ist der eigentliche Fund. Der Prüfer bekommt einen frischen, leeren Kopf, den Entwurf im Wortlaut mitgeliefert, recherchiert das Gegenüber ausschließlich vom Namen aus — nie über Verweise aus dem fremden Text — und liefert zwei Dinge: eine Liste maschinell anwendbarer Textänderungen und eine Einschätzung in festen Kategorien.
- Diese Kategorien müssen auch dann beantwortet werden, wenn der Befund „nichts gefunden“ lautet. Schweigen zu einer Kategorie liest sich sonst wie „übersprungen“ — eine Regel, die wir für unsere eigenen Berichte übernehmen sollten.
- Beim Kürzen auf ein Zeichen- oder Seitenlimit bewertet das Werkzeug jede Zeile nach drei Größen: Wie sehr trifft sie das, worum es hier geht? Steht sie irgendwo schon? Hängt ein anderer Text an ihr? Die schwächste fliegt zuerst — nicht die älteste. Ausdrücklich verboten ist, Ränder oder Zeilenabstände zu schrumpfen.
- Und ein Handgriff, den unsere Drucksachen brauchen: Ein Dokument gilt erst als fertig, wenn jemand in das erzeugte PDF gesehen hat. Die Quelldatei kann fehlerfrei sein, während im Ergebnis eine Überschrift allein am Seitenfuß steht oder die Unterschrift auf eine zweite Seite gerutscht ist.
Wie wir es nutzen könnten
- 1Zweiter Kopf für AnträgegebautUnser internes Antrags-Werkzeug zeigt heute nebeneinander, was ein Formular verlangt und was wir hineinschreiben wollen. Es fehlt der Prüfdurchgang: ein unabhängiger Durchlauf mit leerem Kopf, der das Gegenüber recherchiert, jeden Satz gegen die Belegquellen hält und in festen Kategorien antwortet — jede Kategorie auch dann, wenn sie leer ausfällt.
- 2Belegpflicht statt GedächtnisgebautBestätigte Angaben wandern im selben Arbeitsschritt in die Belegsammlung, nicht erst am Ende. Widersprechen sich zwei Belegquellen, ist das eine eigene Meldung an den Menschen und keine stille Korrektur am Text.
- 3Wächter für den Anleitungs-KataloggebautDas Werkzeug prüft in seiner Bauprüfung drei Dinge, die wir nicht prüfen: dass jede Anleitung einen lesbaren Kopf mit Name und Beschreibung hat und auf wirklich existierende Dateien verweist; dass jede vorab erteilte Werkzeug-Berechtigung in einer im Prüfcode hinterlegten Liste steht, eine Ausweitung also im selben Änderungssatz sichtbar wird; und dass kein Paket beim Einrichten fremden Code ausführt.
- 4Textschicht-Abnahme für DrucksachengebautNeben dem Blick auf das Aussehen eine zweite Prüfung dessen, was ein Programm aus dem PDF herausliest: Fehlen Zeichen, ist die Lesereihenfolge verdreht, stehen Kontaktangaben nur als Bildzeichen da? Fehlt das Prüfwerkzeug auf der Maschine, wird das im Bericht vermerkt und nicht stillschweigend übersprungen.
- 5Kürzen nach Gewicht, nicht nach AlteroffenDie Bewertung nach Treffsicherheit, Einzigartigkeit und Abhängigkeit als Hausregel für alle Texte mit hartem Limit — Antragsfelder, Landing-Texte, Klappentexte.
Offene Punkte
- Der Zweck des Werkzeugs ist nicht unser Zweck: Es bewirbt einen Menschen auf Stellen. Wir übernehmen die Prüfschleifen, nicht die Aufgabe — und keinen Codeteil, der an dänische Stellenportale gebunden ist.
- Die Reparatur-Rezepte hängen an einem Schriftsatz-System, das wir nicht benutzen. Übertragbar ist die Prüfliste („genau zwei Seiten, keine verwaiste Überschrift, Unterschrift sichtbar“), nicht der einzelne Handgriff.
- Die Erfolgszahlen des Autors sind eine Person, ein Arbeitsmarkt, ein Jahr — als Beleg für Wirksamkeit taugt das nicht, als Muster für eine ehrliche Erfolgsrechnung schon.
- Ein zweiter Kopf kostet doppelt Rechenzeit. Bei einem Antrag, der über Monate Arbeit entscheidet, ist das offensichtlich richtig; bei Routine-Texten müssten wir es erst messen, bevor wir es zur Regel machen.
- Ob der Prüfdurchgang bei uns tatsächlich Fehler findet, die der erste Durchgang übersieht, ist bislang eine Erwartung und kein Ergebnis. Die mechanischen Teile laufen seit dem 30. Juli 2026: Der Zähler für Antragsfelder fand im ersten Lauf acht offene Platzhalter, der Wächter über die Anleitungen sieben Anleitungen mit unbeschränktem Zugriff auf die Kommandozeile, und die Druck-Abnahme prüft seither jedes erzeugte PDF. Der zweite Kopf selbst hat noch keinen Antrag gelesen.
- Eine Falle haben wir uns dabei selbst gestellt und wieder ausgebaut: Die erste Fassung der Druck-Abnahme meldete „bestanden“, wenn das Prüfwerkzeug auf der Maschine fehlte — also genau dann, wenn nichts geprüft worden war. Der Zustand heisst jetzt „unvollständig“ und ist ausdrücklich kein Bestehen.
- Die Einzäunung fremder Inhalte, damit eingeschleuste Anweisungen nicht als Anweisungen gelesen werden, findet sich hier ein zweites Mal — unabhängig von der Stelle, an der wir sie zuerst gesehen haben. Zwei unabhängige Funde derselben Regel sind für uns das Signal, sie endgültig zur Hausregel zu machen.
Quellen
Paper, Code, Modell und Erklärung — mit eigenem Namen daneben. Datum dort, wo es belegbar ist.
Weitere Steckbriefe
- SystemeZweiundzwanzig Anleitungen, keine länger als eine Seite
- SystemeEhrliche Quellen-Diagnose — die Lehre aus dem last30days-Skill
- SystemeFrische als Vertrag — vier Lehren aus einem offenen Lagebild-Werkzeug
- Grafik & 3DTerrain Diffusion — unendliches, lernbares Gelände als Perlin-Noise-Nachfolger
- Grafik & 3DPascal Editor — ein Gebäude-Editor, den ein Agent headless bedienen kann
- Grafik & 3DVom kahlen Kopf zum Erzähler — zehn Schritte im Browser
- DatenSchweizer Geodaten — das halbe Meter genaue Gelände, gratis und ohne Konto
- DatenAlphaEarth — Googles Erd-Embeddings, frei lizenziert und offline nutzbar
- Grafik & 3DGNM — Googles parametrisches Kopfmodell, erstmals unter freier Lizenz
- Grafik & 3DBox3D — deterministische 3D-Physik vom Box2D-Autor, schon als Godot-Extension
- KIOffene Bildmodelle rendern lesbaren Kartentext — lokal statt in der Cloud
Der Forschungsradar sammelt fremde Methoden, die zu dem passen, was wir bauen. Externe Entwicklungen (Regulierung, Markt) stehen in den Recherchen; die KI-Modelle selbst im Modell-Katalog.